England wird zu Recht
als die Wiege des Fußballs bezeichnet. Quellen geben an, dass schon im
13. Jahrhundert ähnliche
Ballspiele im Land betrieben wurden. Zur Entstehung und Entwicklung
des Fußballs kam es allerdings erst mit dem Aufschwung des
Sportgeschehens, das durch die Industrialisierung, Urbanisierung und
durch die Handelsexpansion von England, der stärksten Wirtschaftsmacht
der Welt im 19. Jahrhundert, angeregt wurde. Die Initiatoren des
Fußballspiels waren Studenten bzw. angesehene Gymnasiasten, von denen
es schnell ins Arbeitermilieu übersprang. Die Anfange des
modernen Fußballs gehen hisauf die Jahre 1846^)8 zurück,
als die ersten Regeln kodifiziert wurden, welche dieses
Spiel vom Rugby unterschieden. In
den 60er Jahren entstanden die ersten Klubs und auch die ersten
Fußballverbände der
Grafschaften. Als der älteste Klub Englands und einer der Wegbereiter
des Fußballs gilt Sheffield FC, der im Jahre 1855 gegründet wurde.
Weitere
Traditionsvereine des englischen FuBballs sind Notts County (1862),
Stoke City (1863), Nottingham
Forest (1X65), Chesterfield (1866) und Sheffield Wednesday (1867).
Mit
zunehmender Anzahl der Klubs wuchs auch die Popularität des Spiels
unter den Zuschauern. Die Freundschafts- und Nachbarschaltsspiele
konnten wegen ihrer Unverbindlichkeit jedoch das Interesse bald nicht
mehr befriedigen. Die Bedingungen zur Schaffung eines regelrechten
Wettbewerbes waren herangereift. Schon im Jahre 1863 entstand die
erste Fußballassoziation der Welt - The Football Association. Ihre
Aktivität aber war in dieser Hinsicht gering. Zum wichtigsten
Meilenstein wurde so das Treffen der Vertreter von acht bedeutenden
Klubs. Sie einigten sich auf die Gründung des bis heute sehr populären
FA Cups (The Football Association Challenge Cup). Am ersten Jahrgang
(1872) nahmen 15 Teams teil, gegenwärtig starten jedes Jahr 600-700
Teams im Kampf um die begehrte Trophäe, Das Pokalsystem sicherte den
Fußballfans jedoch nur wenige Spiele zu, und so entstand die Idee von
einer ganzjährigen Konkurrenz. Das Gründungstreffen der Liga
fand in London statt, aber die Darsteller der Liga waren die Klubs aus
dem industrialisierten Zentral-
und Nordengland, die die damalige Spitze verkörperten. Der erste
Jahrgang der Football League wurde 1888/89 mit 12 Mannschaften
ausgespielt. Im Jahre 1892 wurde die 2. Division gegründet und 1920
die dritte. Ihre beiden regionalen
Staffeln (Nord und Süd) wurden 1958 zur 3. und 4. Division
umgewandelt. Seit der Saison 1992/93 wird die oberste
Spielklasse FA Premier League genannt. Seit 1908 treffen die Sieger
der 1. Liga und des FA Cups im populären FA Charity Shield aufeinander
(der finanzielle Erlos des Spiels kommt karitativen Zwecken zugute).
In England wird seit 1960 auch der
sog. Ligapokal gespielt. Daran können nur die 92 Klubs der vier
Profiligen teilnehmen und der Sieger, falls er aus der Premier League
kommt, erhält das Recht, am UEFA-Pokal teilzunehmen.
In
England hat sich der Fußball als Sport und Unterhaltung der einfachen
Arbeiterschichten verbreitet und daher sind die erfolgreichen
Vereine in den Industriegebieten Zentralenglands konzentriert: in
Lancashire, Liverpool, Manchester und West Midlands. Außerhalb dieser
Gebiete haben sich nur zwei Fußballregionen herausgeschält - der
industrielle Nordosten (Newcastle)
und London.
Englands heiliger Rasen
In seiner Serie über Kultstätten des
Fußballs beschreibt kicker-Chefreporter Wolfgang Tobien Mythos und
Historie berühmter Stadien, in denen Fußballgeschichte geschrieben
wurde. In der letzten Folge ist das Wembley Stadion in London an der
Reihe, das vor drei Jahren abgerissen wurde.
Am Anfang war ein PS. Eine
mickrige Pferdestärke genügte, um die damals gewaltigste Trutzburg des
Fußballs in die Gänge zu bringen. "Billy" - so hieß der Schimmel, der am
23. April 1923 dafür sorgte, dass das Wembley- Stadion, vier Tage nach
Ende der Bauarbeiten, beim englischen Pokal-Endspiel zwischen Bolton
Wanderers und West Ham United seiner Bestimmung übergeben werden konnte.
Alle 126.047 Eintrittskarten waren verkauft. Doch weitere 70 000
Zuschauer sollen sich ohne Tickets Eintritt verschafft haben.
Zehntausende bevölkerten Wembleys später so "heiligen Rasen" und
verhinderten den Anpfiff.
In dieser schier ausweglosen Situation kam "Billys" großer Auftritt. Mit
dem Konstabler George Scorey im Sattel drehte der 13- jährige Schimmel
vom Mittelkreis aus in stoischer Gelassenheit Runde um Runde und drängte
dabei die Menge hinter die Tor- und Seitenauslinien. Das Spiel konnte
beginnen. Als "White-Horse-Cup-Final" war dies die erste zahlloser
Wembley-Legenden.
In nur 300 Tagen Bauzeit aus
dem Boden gestampft, war Wembley als Englands Nationalstadion bei seiner
Eröffnung die fraglos grandioseste Arena jener Zeit. Als fast 80 Jahre
später 2001 der Abriss begann, um einem hochmodernen Superdome Platz zu
machen, zerfiel unter der Abrissbirne zwar ein inzwischen völlig
antiquiertes und unkomfortables Bauwerk. Seine Aura als "Mekka des
Fußballs" wird freilich unsterblich sein.
Gewiss, die profitabelsten Veranstaltungen in Wembley, das immer
privaten Besitzer-Konsortien gehörte, waren die großen Popkonzerte. Und
die regelmäßigsten Ereignisse dort waren die drei Mal in der Woche
stattfindenden Windhundrennen. Das unverwechselbare "Wembley-Feeling",
jene einzigartige Treibhausatmosphäre unter den lichtdurchlässigen
Platten des vorderen Überdachungsteils, stellte sich im Wembley aber nur
bei den großen Fußball-Events ein. Und nur aus besonderem Anlass, zu "big
occasions", wurden dort die Einlasstore geöffnet.
Wer als Fußballer nach
Wembley kommen wollte, der musste vorher gewaltige Vorleistungen
abgeliefert haben. Sei es für die Europapokal-Endspiele, die, wenn sie
England zugesprochen bekam, solange es möglich war, nur in Wembley
stattfanden. Sei es zur Weltmeisterschaft 1966, bei der England seinen
einzigen großen Turnier-Triumph feiern konnte. Sei es zu den
Länderspielen der englischen Nationalmannschaft, die fast ausschließlich
dort stattfanden. Oder sei es zum "Cup-Final- Day" im Mai - dem
alljährlichen Fußball-Nationalfeiertag beim Endspiel um den FA-Pokal.
Diese Festtage der "big occasions" mit ihren
Farben und tief unter die Haut gehenden Gesängen lieferten denn auch den
Stoff für die Legenden, Kuriosa und Rituale, für Wembleys einzigartige
Ausstrahlung und Verklärung, für seinen Mythos als "Heiligtum des
Fußballs", wie Pelé einmal sagte.
Legendäre Auftritte gab es auf dem Schachbrettmuster des kurzgeschorenen
Rasens vor der berühmten Königsloge viele. Zum Beispiel das
Fußball-Erdbeben am 25. 11. 1953, als Ungarns Wunderelf mit dem 6:3-Sieg
Englands Nimbus der Unschlagbarkeit auf englischem Boden pulverisierte.
Oder die Waghalsigkeit Bert Trautmanns, der als deutscher
Kriegsgefangener nach England kam, dort 15 Jahre im Tor von Manchester
City spielte und 1956 mit gebrochenem Halswirbel und unglaublichen
Paraden den 1:0-Sieg im Cup- Finale gegen Birmingham sicherte. Er wurde
daraufhin zu Englands "Fußballer des Jahres" gewählt.
Ganz England bleibt natürlich Geoff Hursts Drei-Tore-Festival beim
4:2-Sieg über Deutschland im WM-Finale 1966 in Erinnerung. Bis zu jenem
30. Juli 1966 war Wembley eine zutiefst englische Angelegenheit. Mit und
seit jenem Juli- Tag ist es auch eine Schicksals- und Triumphstätte für
den deutschen Fußball.
Dem Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst und vor allem seinem
russischen Linienrichter Tofik Bakhramov ist es zuzuschreiben, dass nie
über einen Treffer so lange voller Zorn und Leidenschaft diskutiert
wurde wie über Hursts "Lattentor" zum entscheidenden 3:2 in der 102.
Minute während der Verlängerung. Das "Wembley-Tor".
Seitdem aber hat die
deutsche Nationalelf bei sieben Auftritten in Wembley sechs Siege,
darunter vier Erfolge gegen England, gefeiert. Besonders Günter Netzers
genialer Spielkunst war am 29. April 1972 im EM-Viertelfinale der erste
Sieg einer deutschen Nationalelf auf englischem Boden zu verdanken. Und
Didi Hamanns Freistoßtor zum deutschen 1:0-Sieg in der Qualifikation für
die WM 2002 bewirkte, dass England sich im allerletzten Spiel in Wembley
am 7. Oktober 2000 mit einer Niederlage aus seinem Nationalheiligtum
verabschieden musste. Dazwischen lagen bei der EM 1996 die beiden
größten Erfolge des Bundestrainers Berti Vogts, als England im
Halbfinale mit 6:5 nach Elfmeterschießen und schließlich Tschechien mit
2:1 im Endspiel dank der beiden Treffer des Jokers Oliver Bierhoff,
darunter das erste "Golden Goal" der Fußballgeschichte, bezwungen
wurden.
Wembley, das alte Wembley, ist Vergangenheit. Dort entsteht nun die
Zukunft in Form eines futuristischen Stahl- und Glas-Palastes, der im
Frühling 2006 eingeweiht wird. Für immer verschwunden sind die
legendären weißen Twin-Towers. Sie symbolisierten als Wahrzeichen
Wembleys Würde und für viele auch Macht und Glanz des britischen
Empires. Die großen Gefühle sind Geschichte. Wembley war - wie "Billy" -
einmalig.
Daten und Fakten - 19.01.2004 11:17
Das Wembley Stadion
Eröffnet:
1923 Letztes Spiel: 7. Oktober 2000 WM-Qualifikation England -
Deutschland (0:1) Zuschauerrekord: 126.047 Pokalendspiel 1923 Bolton Wanderers -
West Ham United (2:0), weitere 70.000 sollen sich ohne Eintrittskarte
Einlass verschafft haben. Eigentümer: Wembley National Stadium Ltd. Größtes Fußball-Ereignis: WM-Finale 1966 England - Deutschland
(n. V. 4:2) Die Zukunft: Bis 2006 entsteht am gleichen Platz ein komplett
neues Stadion mit 90.000 Sitzplätzen.
Bilder vom Wembley
Stadion:
Außenansicht des
Londoner Wembley-Stadions, Mekka des englischen Fußballs, aufgenommen
am 1. Februar 1999. Das Stadion wurde im Januar 1999 für umgerechnet
284 Millionen Mark von einer Tochtergesellschaft des englischen
Fußballverbandes von der Wembley GmbH gekauft. Das Stadion war in nur
300 Arbeitstagen zwischen Januar 1922 und April 1923 erbaut worden.
Die Baukosten betrugen 475.000 Pfund.
Innenansicht des
Londoner Wembley-Stadions, das berühmt ist für seine Ehrfurcht
einflößende Atmosphäre.
Das Mekka des englischen
Fußballs. Für viele Fußball-Profis ist ein Auftritt in dieser Arena
die Krünung einer Karriere.
Am 07. Februar 2003 sind
die Abrissarbeiten an den weltberühmten Zwillingstürmen des Londoner
Wembley-Stadions im Gange. Auch sie müssen Platz machen für das neue
575 Millionen Pfund teure neue Stadion, das im Jahr 2006 eröffnet
werden soll und 90.000 Zuschauer fassen wird. Bruchstücke der Türme
werden als Souvenirs verkauft, ein anderer Teil wird für den Baugrund
verwendet.
Modell des geplanten neuen, überdachten
Wembley-Stadions in London. Das weltberühmte alte Wembley-Stadion wurde
für die Bewerbung Englands um die Austragung der
Fußball-Weltmeisterschaft 2006 und Olympia 2008 einem Neubau Platz
machen.